Praxis  

Kommen wir aber nun zur Praxis. Ich darf davon ausgehen, dass die wenigsten von Euch einen C65 auf der Schreibtischplatte stehen haben oder hatten. Nähern wir uns dem Gerät erstmal vorsichtig. Ist ja ein Prototyp und wir wissen: Die sind empfindlich. :-)

Für einen Prototypen erstaunt die FCC ID und die Zulassung der Deutschen Bundespost. Hatten die seinerzeit die Geräte wirklich geprüft, oder wurde das wie heutzutage mit dem CE-Zeichen auf chinesischen Waren gehalten und war nicht die Druckerschwärze wert?

Wieviele gebaut wurden, darüber streiten sich die Experten. Ich schliesse mich Dr. Peter Kittel (seinerzeit Commodore-Mitarbeiter) an, der im Usenet von rund 1.000 Geräten sprach. Warum ausgerechnet diese Zahl? Klingt nach einer Kleinserie, aber ausreichend genug um jeden Entwickler und jeder Redaktion mindestens ein Gerät zukommen lassen zu können.



(Nummer 212 von... ja, wievielen überhaupt? 400? 1.000? 2.500?)

 
(Selten? Wer's glaubt! VCFe 2005)

Der kritische Blick sieht erstmal einen Homecomputer im - damals für professionell geltenden - äh... beige? Creme? Computergrau? Das typisch langweilige Etwas von Farbe, das eben in den 90ern fast alle Computer verunzierte. Commodore hatte ja nun wirklich nie ein Faible für Farben, man war ja CBM - Commodore Business Machines - und beanspruchte Seriosität für sich. Mehr als ein Beige oder ein gewagtes Schwarz gabe es da nie.

 Der C65 stellt aber den Gipfel der Farblosigkeit dar. Kannte man aus den 80ern noch so schön-schräge Gehäusekreationen wie den Amstrad CPC464, den Sinclair Spectrum oder den stylischen Enterprise 128 (alle von der Insel) oder die metallisch schimmernden MSX/MSX2-Rechner aus Fernost und nicht zu vergessen: Die oft sehr, sehr bunten Kreationen unserer Nachbarn mit den langen Brötchen und seltsamen Autos, so war der C65 dagegen ein kränklich-blasses Kind der 90er Jahre. 


(C65)

Design

 Das Gehäuse an sich ist relativ flach und angenehm kompakt. Das Design ist das der sechs Jahre alten 128er-Linie, die ihre Fortsetzung im Amiga 500 und 600 fand. Zum Glück aber nicht so tief wie diese, als dass er nicht auf einem Schreibtisch - noch vor den Monitor - platziert werden könnte. Es ist sogar so, dass ich den 65er in meiner Vitrine regelmäßig mit dem A600 verwechsele, wenn ich nur die vorderen Kanten sehe.

Einen Ziffernblock sucht man am 65er vergeblich, er musste aber auch keinen haben, denn er war nicht für den professionellen, sondern für den Endverbraucher-Markt konzipiert.

 Alles in allem fühlt man sich an das Konzept des Schneider CPC664 oder CPC6128 erinnert - nur eben in unbunt. Oder, die wenigsten werden ihn kennen, den Schneider EuroPC - da stimmt dann auch wieder die Farbe. Die Floppy scheint etwas dicht an der Tastatur zu liegen, aber in der Praxis stört das nicht.

(3,5" Floppy)

Tastatur

Die Mitsumi-Tastatur - mit den typischen VC20- und C64-Sonderzeichen auf den Vorderseiten der Kappen - ist ordentlich verarbeitet und fühlt sich wie ein Zwischending aus 64er- und guter PC-Tastatur an. Sie bietet erfreulich viele - acht an der Zahl - Funktionstasten (F1 bis F14 und Help) und sogar einen farblich abgesetzten Cursorblock mit vier Pfeiltasten. Die 77 Tastenkappen entsprechen in etwa dem C128, wobei aber die Mechanik etwas geändert wurde..


(Typisch Commodore: Sonderzeichen auf der Vorderseite der Tastenkappen)


(Cursor-Tasten, kleine Return-Taste)

 Caps-Lock befindet sich völlig unintuitiv über der Taste "4". Interessant ist aber das Vorhandensein der Taste "Help", die unter dem BASIC sogar eine Funktion hat! Ferner geisterten sogar noch original verpackte Tastaturen im deutschen Layout durch die Szene. Andreas Waldhelm hatte so ein seltenes Stück. Soweit ich weiss sind seine beiden C65 nun in Griechenland und Andreas wurde im Gegenzug zum Benzfahrer.

 
(dämliche Position: Caps-Lock)

 

 
(als ob er es geahnt hätte: "HELP")

Anschlüsse

 Die Anschlüsse für Joysticks und das, vom C64/CD32 geerbte, Netzteil befinden sich an der linken Seite. Das ist für C64-Eigner gewöhnungsbedürftig, aber die Floppy ist nun einmal rechts und die bedient man eben öfter als den Ein- und Ausschalter.


(Netzteilanschluss und Ein-/Aus-Schalter)


(Originales C65-Netzeil)


(Schnell geändert: "For CXX only"; die 0191 ist wohl die "DOT-Nummer", nicht die Seriennummer)

 
(Das schnellste Netzteil aus Mexi... äh China: Speedy-Tech!)

(Rückseite)

 Hinten bietet das Gerät erfreulich viele Anschlüsse. Die Reihe beginnt mit einem (leeren) Anschluss für ein Disk Drive. Vermutlich besitzt nur Bo Zimmermann eines dieser sagenhaften 3,5"-Laufwerke, offenbar 1565 genannt. Ein Blick auf die Leiterbahn offenbart: Oho! Da könnte man ja noch die fehlende achtpolige Mini-DIN-Buchse einlöten, wenn man wollte. Man, also ich, will aber nicht.


(Da fehlt doch was? Leere DiskDrive-Buchse)
(Könnte man bestücken, wenn man nur wollte)

 Offenbar scheinen keine Bauteile zu fehlen, die für den Betrieb einer externen Floppy nötig wären. Weiss der Geier warum CBM die Buchse wegliess. Vielleicht hatten die keine mehr auf Lager und der Mitarbeiter, der die Brocken immer bei Sears einkaufte, war gerade im Urlaub. Würde das jemanden erstaunen? Commodore war wohl der bekannteste Krauterladen von Weltgeltung.

 Nach dem Floppyport folgt der typische Commodore-8-Pin-DIN-Video-Anschluss, der sich bei 40 Zeichen pro Zeile (im 64er-Modus) auch am Monitor 1701 wohlfühlen würde. Er bietet FBAS und das heute SVHS genannte Signal. Darauf folgt der Low-High-Umschalter für den daneben liegenden HF-Ausgang in Cinchbuchsen-Ausführung. Der C65 kann also sogar die heimische Glotze mit einem Bild beschicken!


(Videobuchse, Umschalter, HF-Ausgang)

 Aber eine 1280er(!) Auflösung schreit nach mehr! Konsequent bietet also der Computer auch noch einen RGB-Ausgang als DB-9-Buchse an! Ob diese aber auch den Video-Eingang für die Genlock, also die Videoüberblendungsfähigkeiten des Videoprozessors bot, wage ich zu bezweifeln. Es war vermutlich eine Genlock-Box geplant, die an den 50-poligen Expansionsport angeschlossen wurde. Das Systemhandbuch lässt darauf schliessen.


(RGB-Video)

  Neben dem RGB-Ausgang folgt gleich noch der stereophone Anschluss (Cinch) für den Ton der beiden(!) SIDs. Da gab es also mächtig was auf die Ohren!


(Satter Sound in Stereo)

 Der 24-pin Userport, der die gleiche Pinbelegung wie beim 64er hatte, sowie der serielle Bus für die üblichen, lahmen Commodore-Geräte wie 1541, 1571, 1581 und die IEC-Bus-Drucker, befinden sich daneben.


(Userport)


(IEC-Bus)

 Zu guter Letzt entdecken wir noch den Expansions-Port, der auch ROM-Module (Spiele?) aufnehmen sollte. Er verfügt über immerhin 50 Pins.
Mehr bietet der Commodore C65 nicht an seiner Rückseite. Mehr braucht aber auch niemand. Oder vermisst irgendein C65-Eigner die Datasette? :-)



(Expansionsport)

 Wir drehen den Rechner um und erblicken die Abdeckung eines RAM-Expansionsports. Bo Zimmermann soll auch eine solche Erweiterung besitzen, ganz klar. Bei einem Rechner, für den es de facto keine Software gibt, die dies ausnutzen könnte, ist eine Erweiterung des RAM das sinnloseste Stück Hardware, das mir in den Sinn kommt. Mein unverhohlener Neid ist ihm trotzdem gewiss! :-)

(Unterseite)


(Offener Port)

(RAM-Slot im Detail)

 Drehen wir das Gerät wieder auf die Füsse. Die Verarbeitung des Gehäuses ist zeittypisch. Ein leichtes Knarzen wird dem Gerät entlockt, wenn man es verwindet. Amiga 500 -und 600-Besitzer verstehen, was ich meine. Der Kunststoff ist für einen Prototypen sehr ordentlich verarbeitet, das finde ich gut. Weniger gut gefällt mir aber die absolut glatte Oberfläche. Ähnlich wie die weissen Ur-1541-Floppy-Gehäuse. Glatt wie ein Joghurtbecher, keinerlei Oberflächenstruktur, die eine angenehme Haptik bieten würde. Schade.



(Bäh: unstrukturiertes Plastik)

 Die leere Vertiefung für das Typenschild lässt darauf schließen, dass Hersteller und Typ auf ihm genannt werden sollten. Vermutlich im gleichen langweilig-professionellen Farbton der damaligen Commodore-Rechner: Dunklebeige.


(leeres Typenschild)

Fazit:

Für einen Prototypen ist der C65 erstaunlich gut verarbeitet und auch das Design macht den Eindruck der endgültigen Fassung. Einzig das fehlende Typenschild auf der Gehäuseoberseite verrät, dass das Gerät ein Vorserienmodell ist. Die Lokalisierung der Tastatur wäre für einen Computer dieser Klasse eine nette Dreingabe gewesen.


ENDE TEIL 2

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